Zum Heimgang einer großen Brixnerin

Ada Giacomin-Scaggiante ist nicht mehr: Sanft und in aller Stille hat sie sich wenige Monate vor ihrem 90. Geburtstag verabschiedet, umgeben von ihrer Familie, für die sie bis zuletzt ein Mittelpunkt war. Brixen reagiert betroffen und mit Trauer auf ihren Abgang: Frau Ada gehörte seit Jahrzehnten zum Stadtbild. Lebensfreude, Einsatz für die Allgemeinheit und Liebe zur Familie waren drei Qualitäten, die Ada Scaggiante zeitlebens auszeichneten und mit denen sie andere ermutigte.
Ada war mit ihrem Mann Ruggero, einem Eisenbahner, im September 1945 aus dem Veneto in ihre Wahlheimat Brixen gezogen. Der Start war abenteuerlich, da das junge Paar noch über keine Unterkunft verfügte. Bald aber fand sich eine passende Wohnung, die das Paar über dem Sonnentor einrichtete, wo Ada und ihre Familie seither logierten – symbolträchtig am Zugang zur Stadt.
Während Ruggero bei der Bahn arbeitete, ging die junge Frau ihrem Beruf als Schneiderin nach; den sie in einem großen Atelier und als Inhaberin eines Sport- und Modegeschäfts erfolgreich ausbaute.
Dabei kam sie mit Kundinnen unterschiedlicher Herkunft und Sprachgruppen in Kontakt und bald schon schätzte man in Brixen die Rührigkeit und das Engagement der jungen Frau. Als Präsidentin der Azione Cattolica bewies sie alsbald ihr soziales Herz und war einer wachsenden Zahl von Mitbürgern eine unverzichtbare Stütze. Mit erstaunlicher Courage kandidierte sie 1956 für die Gemeindewahlen, ermuntert von Bischof Joseph Gargitter, der in ihre beherzte und ausgleichende Persönlichkeit große Hoffnungen setzte. Ada Scaggiante war damit auch südtirolweit eine Pionierin, denn die Zahl der Frauen in Gemeinderäten war damals an einer Hand abzuzählen. Legendär war ihre Stellungnahme zu Mandatsbeginn: „Im Gemeinderat bin ich keine Frau, ich bin ein Mensch und will als solcher behandelt werden.“ Und sie warnte ihre Kollegen: „Wenn man mir einen Fußtritt verpasst, trete ich doppelt zurück!“ Ada konnte streitbar sein, vor allem aber war sie eine begnadete Netzwerkerin und Anwältin der „Kleinen und der Alten“. Nach drei Mandaten im Gemeinderat suchte sie andere Aufgabenfelder: Sie war Begründerin des Club degli Anziani“ und startete 1983 die „Università della Terza Età“, (heute UPAD), zudem war sie mit ihrem Mann und den drei Söhnen Roberto, Luigino und Sandro in vielen Vereinen tätig. Brixens sportliches Leben und Erfolge sind mit ihrer Familie untrennbar verknüpft; Ada selbst war leidenschaftliche Tennisspielerin und Tänzerin.
Dabei fand sie immer mehr zur Überzeugung, dass der Ausgleich und der Kontakt zwischen den Sprachgruppen unabdingbar sei. Ihr Credo lautete: „Ich habe immer gesagt, dass wir ganz Italien vertreten, weil wir drei Sprachgruppen darstellen. Nur alle zusammen können wir für Frieden und Fortschritt sorgen.“ Dementsprechend drängte sie ihre Söhne erfolgreich dazu, das Deutsche bestmöglich zu erlernen.
Adas Vorbild war wegweisend in Brixen, das sie aus ganzem Herzen liebte: „Als ich nach Brixen kam, betrachtete ich diese Stadt als meine zweite Heimat. Das ist meine Heimat und dies auf Grund der Tatsache, dass meine Söhne hier geboren wurden. Und wir sind italienischsprachige Tiroler. Ich habe mich deshalb immer wohl gefühlt.“
Ada Scaggiante hat Brixens Möglichkeiten exemplarisch vorgelebt: Dialogbereitschaft, Großherzigkeit, Einsatz und tiefe Menschenfreundlichkeit. Ihr Andenken ehren wir dadurch am besten dadurch, dass wir diese Tugenden weiter tragen.
Hans Heiss, Elda Letrari Cimadom, Roman Zanon, Franz Pisoni, Andreas Pichler
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